Kolumne
(Dieter Krogmann, 19. Januar 2013)
Liebe Leserinnen und Leser
die Bild-Zeitung, unsere Volkszeitung. Um wieviel wäre unser Alltag ärmer hätten wir nicht unsere Bild am frühen Morgen des grauen Alltags. Sie bringt Farbe ins tägliche Morgengrauen. Sie bringt uns Lust am Leben und sie (ver)bildet uns.
Eine Zeitung des Volkes, so wie sich dies die Großen dieser Welt vorstellen.Verdeckt artig und kuschend vor den Mächtigen dieser Erde.
Ein großer Schriftsteller der deutschen Literatur, Wallraff, wollte dies einmal der interessierten Öffentlichkeit demonstrieren und schmuggelte sich inkognito in die Redaktion dieses Blattes ein. Dafür wurde er jahrzehntelang verfolgt und angefeindet. Ein Beweis der weitreichenden Macht dieses Blattes und seiner Strippenzieher.
Aber die BILD ist sich ihrer Macht inzwischen so sicher, dass sie im großen Spiel der politischen Geschehnisse in einer Weise mitwirkt, die beim aufgeklärten Normalbürger schon mal Brechreize auslöst. Da werden dann politische Würdenträger in die Falle der widersprüchlichen Aussagen gelockt, in dem man recherchiertes Wissen scheibchenweise dem Betroffenen und der Öffentlichkeit serviert, um den Angegriffenen ebenso zu „scheibchenweisen, ausweichenden oder sogar ablenkenden Aussagen“ zu verführen, um sie dann im öffentlichkeitswirksamsten Moment mit allen Fakten nieder zu knüppeln.
Bundespräsident Christian Wulff ist hier das jüngste und das bisher, in einem politischen Amt, ranghöchste Opfer. Glaubte er doch, eine scheinbare Intimität zwischen dem Springerverlag und den politischen Eliten gewährleiste ihm eine mindestsolidarische Haltung der BILD in ihrer Pressearbeit.Vielleicht glaubte er auch, die BILD würde es nicht wagen, den Inhaber des höchsten politischen Amtes in unserer Republik in dieser Art und Weise zu demontieren. Die BILD-Redaktion echauffierte sich über Wulffs telefonische Bemerkung:
"Der Rubikon ist überschritten"
und erklärte den Lesern in der Ausgabe vom 8. Januar dieses geschichtlich bedeutende Zitat von Wulff. Julius Caesar überschritt als erfolgreicher Feldherr im Jahre 49 vor Christus das Flüsschen Rubikon. Dieser Fluß galt als unantastbare Grenze für die damalige römische Machtelite, der Caesar zu mächtig geworden war. Man wollte Caesar die Befehlsgewalt über die ihm treu ergebenen Legionen entziehen, um ihn politisch zu entmachten. Caesar wurde dann später von Mitgliedern des Senats heimtückisch ermordet. Die Frage ist, hält sich Wulff in dieser Situation für den "Caesar" und die BILD-Redaktion für den römischen Senat? Demnach wäre er sich bewußt, dass er letztlich das "gemeuchelte" Opfer sein wird. Die BILD als Strippenzieher der politischen Marionetten?
Dabei sollte man doch meinen, die Psychologie dieses Blattes wäre für jedermann leicht durchschaubar. Aufreißerische Titelgestaltung, deren Schlagzeilen sich Wochen später dann meist ganz anders lesen.
Das Ansprechen der Sexualinstinkte durch die tägliche Platzierung einer fast nackten Frau auf der Titelseite, mit an Dämlichkeit kaum zu überbietenden Texten und die Unterstützung von einer oberflächlich und einfach gestrickten Weltanschauung durch entsprechende Schlagzeilengestaltung, das ist das Erfolgsrezept dieser „meistgelesenen“ Zeitung.
Um die Rolle der Bildzeitung zu verstehen, muß man sich mit ihrer Entwicklungsgeschichte befassen. Ursprünglich durfte sich die Bild nicht einmal „Zeitung“ nennen. Die großen Köpfe aus der Literatur und dem Journalismus machten sich jahrzehntelang lustig über die BILD.Heute liest sich die Liste der Vorstandsmitglieder der Bildzeitung wie das „Who is who“ der mächtigsten Kapitalgiganten dieser Erde.
Trotzdem wird mit der Gestaltung der BILD versucht, den Eindruck zu erwecken, als handele es sich hier um ein Volksblatt.Oft wird mir die Frage gestellt: „Bist Du Bildzeitungsleser?“. Von der Antwort hängt, in der Betrachtungsweise des Fragenden, dann die Beurteilung ab, inwieweit man nun zur Elite der politisch Gebildeten gehört oder nicht. Eine simple Betrachtungsweise, die sicherlich für eine eingebildete Bildung steht. Auf diese Frage antworte ich immer: „Natürlich lese ich die BILD!“.
Leute, die mich nicht genau kennen, schauen dann immer etwas verblüfft. Klar, das Lesen der BILD ist für mich so etwas wie eine Pflichtübung, die ich gerne ausübe. Ist die Bildzeitung doch eine der Zeitungen, die mir am frühen Morgen bereits ein breites Grinsen abringt und zu meiner Erheiterung beiträgt. Einige meiner Bekannten behaupten, dies läge an meiner sarkastischen Betrachtungsweise des politischen Alltags.
Eben darum, weil die BILD die Vorstellungen der breiten Masse erfüllt. Sie ist beständig und leicht lesbar. Sie enttäuscht ihre Konsumenten nicht. Sie biedert sich ihnen an!
Auf der Titelseite eine hübsche Nackte, mit entsprechend dämlichem Text. Die Schlagzeilen für einfachste Bildung (das strengt am Morgen die Gehirnzellen nicht an), Seite 2 dann wie üblich, Polemik gegen DIE LINKE, SPD und GRÜNEN, Anbiederungen gegenüber den christlichen Parteien und der FDP, sowie einem breiten rechten Spektrum innerhalb der politischen Meinungsmache.
Dann die regionalen Seiten. Und die ausführlichen Sportseiten, die mich aber nicht interessieren.
Da ist die Welt doch in Ordnung! Und dies geht nun schon so über 50 Jahre. Das nenne ich eine Leistung!
Aber das Interessanteste sind die Meldungen, die unscheinbar zwischen den mit heißer Luft aufgeblasenen Sensationsluftballons stehen. Der geübte Leser kann hier oft wahre Goldschätze an zukünftigen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen entdecken, die man der Öffentlichkeit nur scheibchenweise beibringen möchte.
Oft werden auch von bisher auf dem politischen Parkett völlig unbekannten Nachwuchspolitikern erste vorsichtige Meldungen losgelassen, die testen sollen, wie nun die Öffentlichkeit auf diese oder jene unangenehme Nachricht reagiert.
Und dann sind da noch die treuen und unterwürfigen Diener der Hochfinanz, mit wohlklingenden Namen, aus der geistigen Führungselite des Journalismus. Diese geben sich den Anstrich der Moralapostel unserer Republik und verfassen täglich ihre Artikel, die oft an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten sind. Ausgebildet wurden sie meist in Axel Springers Journalistenschule.
Eine Probe aufs Exempel sollte jeder interessierte Bürger einmal machen. Bewahren Sie sich die Bildzeitung einer ganzen sechsmonatigen Reihenfolge einmal ein halbes Jahr auf und vergleichen Sie dann die Realität mit dem geschrieben Text dieses Blattes. Es wird sicherlich zu Ihrer Erheiterung einerseits und zu erstaunlichen Erkenntnissen hinsichtlich eines beeinflussenden Journalismus andererseits führen.
Aber irgendwie habe ich mich an sie gewöhnt, an unsere BILD. Sie hat sich genauso in den Alltag geschlichen wie so vieles in unserer Konsumgesellschaft. Irgendwie ahnen wir es ja, dass dies oder jenes nicht so gut ist für unsere Gesellschaft, aber wir gewöhnen uns einfach daran, weil uns der aufgezwungene alltägliche Ablauf kaum noch Kraft zum Protest lässt. Langsam aber stetig werden wir an das gewöhnt und zu dem gemacht, was den Lenkern der Macht genehm ist. Ich glaube die treffende Bezeichnung wurde in den 60er Jahren geboren: „KONSUM-IDIOTEN“.
Hintergrundinformation: Wie "Öffentliche Meinung gemacht wird"